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Archäologischer Dienst des Kantons Bern Überraschende Neuentdeckung: «Pfahlbauer» am Thunersee

27. April 2016 – Medienmitteilung; Erziehungsdirektion

Im Thunersee sind erstmals Teile eines sogenannten «Pfahlbaus» entdeckt worden: Im Seegrund der Thuner Bucht stiess der Archäologische Dienst des Kantons Bern bei Tauchgängen auf Reste von Dörfern aus der späten Bronzezeit, die ein neues Licht auf die Siedlungsgeschichte der Region werfen.

Pfähle der spätbronzezeitlichen Seeufersiedlung im Thunersee. (Quelle: Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Carlos Pinto)

Bild vergrössern Pfähle der spätbronzezeitlichen Seeufersiedlung im Thunersee. (Quelle: Archäologischer Dienst des Kantons Bern, Carlos Pinto)

Im Herbst 2014 sorgte ein ehrenamtlicher Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern für eine Überraschung, als er eine Kiste Bronzefunde aus dem Thunersee ablieferte. Diese neuen Funde lösten 2015 den ersten Taucheinsatz des Archäologischen Dienstes im Thunersee aus. Dabei zeigte sich rasch, dass im Seegrund der Thuner Bucht Reste mehrerer Siedlungen erhalten sind. Ein zweiter, umfangreicherer Taucheinsatz erfolgte während der ausserordentlichen Seeabsenkung im Februar 2016. Dabei konnte die Ausdehnung der Fundstellen kartiert werden. Zudem wurden Proben von Pfählen für die Datierung und Bohrproben aus dem Seegrund zur Beurteilung des Schichtaufbaus entnommen. Es lassen sich mindestens zwei Siedlungsphasen belegen. Die Jahrringdatierungen der Baupfähle lassen vermuten, dass die ältere Siedlung um 1050 v. Chr., die jüngere um 950 v. Chr. im damaligen Uferbereich bestanden hat. Es handelt sich somit um Dörfer der späten Bronzezeit. Beim Tauchgang 2016 wurde der Seegrund abgesucht, sodass oberflächlich keine neuen Funde mehr anzutreffen sind.

Weitere Funde im Wirtschaftspark Thun-Schoren

Spuren eines weiteren, noch etwa 150 Jahre älteren Dorfes fanden sich im vergangenen Herbst etwas abseits des heutigen Ufers. Reste dieser Siedlung graben die Fachleute zurzeit in der Baugrube für den Neubau der Uhrenfirma Inducta AG im Wirtschaftspark Thun-Schoren in Gwatt aus. In Koordination mit der Bauherrschaft und der Stadt Thun, welche die Baurechte gewährt, hat der Archäologische Dienst ein Grabungsprogramm erstellt, welches das Bauvorhaben möglichst wenig verzögert. Diese bronzezeitliche Siedlung stand einst ebenfalls am Ufer des Thunersees, dessen Spiegel damals beträchtlichen Schwankungen unterworfen war.

Ein regionales Zentrum vor 3000 Jahren

Im Kanton Bern sind Seeufersiedlungen bisher vor allem vom Bielersee bekannt. Die ersten Hinweise dafür, dass auch am Thunersee Pfahlbauer lebten, gaben 1924 Funde in einer Baugrube an der Marktgasse in der Thuner Altstadt. In der Umgebung von Thun und Spiez wurden hingegen auffallend viele reiche Gräber entdeckt. Die Gegend war in der Bronzezeit offenbar ein regionales Zentrum, da hier Verkehrswege zu wichtigen Alpenpässen zusammentreffen. Diese wurden in der Urgeschichte rege genutzt, wie spektakuläre hochalpine Gletscherfunde vom Schnidejoch (Lenk) und vom Lötschenpass eindrücklich belegen. Sie zeugen von regen Kontakten zwischen Aaretal und dem Wallis vor mehr als 3000 Jahren.

Inzwischen steht fest: Die Pfahlbauer siedelten nicht nur im Mittelland, sondern auch im Berner Oberland. Ihre Dörfer halten dem Vergleich mit den bekannten jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Siedlungen aus dem Seeland durchaus stand. Ausgewählte Bronzefunde aus dem Thuner Seebecken können ab dem 3. Mai 2016 im Schloss Thun besichtigt werden.

Pfahlbauten – ein faszinierendes und gefährdetes Kulturgut

Die sogenannten Pfahlbaudörfer standen einst direkt am See. Aufgrund der Seespiegelschwankungen liegen die Funde heute zum Teil unter Wasser und zum Teil an Land, tief im Boden unter jüngeren Schichten. Der Ausschluss von Luftsauerstoff ermöglicht eine hervorragende Erhaltung der Funde. Die Fachleute erhoffen sich von der Untersuchung dieser Siedlungen Einblicke ins Alltagsleben und in die Kultur unserer Vorfahren.

Einige der bedeutendsten Pfahlbaufundstellen aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowenien und Italien zählen seit 2012 zum Unesco-Welterbe. Viele Pfahlbaufundstellen sind heute akut gefährdet, zum Beispiel durch Baumassnahmen oder Erosion am Seegrund. Der Archäologische Dienst des Kantons Bern wird im Rahmen seiner Zustandsaufnahme der Seeufersiedlungen in den nächsten Jahren sein Augenmerk vermehrt auf den Thuner- und Brienzersee richten.

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