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Regierungsrat Philippe Perrenoud stellt den Sozialbericht 2015 vor «Die Bekämpfung der Armut ist im Interesse aller»

11. Dezember 2015 – Medienmitteilung; Regierungsrat

Armutsbetroffene müssen am wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Leben teilhaben können. Der soziale Ausschluss von Bevölkerungsgruppen gefährdet den Zusammenhalt und die Stabilität der Gesellschaft und kann zu hohen Folgekosten führen. Dies sagte Regierungsrat Philippe Perrenoud bei der Präsentation des Berichts zur «Bekämpfung der Armut im Kanton Bern». Der vierte Sozialbericht zeigt eine entgegengesetzte Tendenz: Sowohl die Intensität der Armut wie auch die Tendenz, grössere Bevölkerungsgruppen aus der Gemeinschaft auszuschliessen, haben zugenommen.

Die Armut im Kanton Bern innert zehn Jahren zu halbieren: Dieses Ziel äusserte Regierungsrat Philippe Perrenoud, als er im Jahre 2008 den ersten Sozialbericht des Kantons Bern vorstellte. Schweizweit erstmals wurden für einen Kanton flächendeckend Steuerdaten wissenschaftlich ausgewertet. Das Ergebnis schreckte auf: Armut gibt es auch im Kanton Bern, fast jede achte Person war damals davon betroffen. Die Entwicklung der letzten sieben Jahre ist ernüchternd. «Die Armuts- und die Armutsgefährdungsquote im Kanton Bern sind in diesem Zeitraum gestiegen, die Einkommen des einkommensschwächsten Zehntels der Bevölkerung sind seit 2001 gesunken», stellte der Gesundheits- und Fürsorgedirektor bei der Präsentation des vierten Sozialberichts anlässlich der Medienkonferenz von heute Freitag (11. Dezember 2015) fest. Obwohl mit den Sozialberichten erstmals umfangreiche Fakten über Existenzsicherung und Armut auf den Tisch gelegt werden konnten, sei es nicht gelungen, eine wirkungsvolle Politik der präventiven Armutsbekämpfung zu etablieren.

Ziel muss aufrecht erhalten bleiben

Das Ziel, die Armut und den Ausschluss ganzer Bevölkerungsgruppen vom wirtschaftlichen und sozialen Leben zu reduzieren, muss für Regierungsrat Philippe Perrenoud auch nach seinem Ausscheiden aus dem Regierungsrat im nächsten Sommer bestehen bleiben: «Armut ist ein gesamtgesellschaftliches Problem.» Der Ausschluss sei eine Gefahr für den Zusammenhalt der Gesellschaft und könne hohe Kosten zur Folge haben. Daher gehe Armut alle etwas an. Die mit dem dritten Sozialbericht eingeleiteten Massnahmen zur Armutsprävention müssten teils verstärkt und die bewährten Instrumente der Existenzsicherung wie die Sozialhilfe oder die Prämienverbilligung erhalten bleiben. Wer den Ausschluss von Bevölkerungsgruppen aus der Gesellschaft kurzfristig in Kauf nehme, müsse damit rechnen, «dass langfristig Aubervilliers und Clichy in den Agglomerationen von Bern, Biel und Thun Einzug halten wird».

Intensität der Armut hat zugenommen

Im Jahre 2013 waren laut dem vierten Sozialbericht für den Kanton Bern 12,6 Prozent der Haushalte mit Personen im Erwerbsalter arm oder armutsgefährdet. In absoluten Zahlen sind dies 42‘700 Haushaltungen, in denen 78‘500 Personen leben. Beim ersten Sozialbericht, bei dem Steuerdaten aus dem Jahre 2006 ausgewertet wurden, betrug die Quote 11,3 Prozent. Mit dem neuesten Sozialbericht ist nun auch die Entwicklung der Jahre von 2001 bis 2013 ersichtlich. Während die Einkommen der oberen und mittleren Einkommensschichten in dieser Zeitspanne leicht gestiegen sind, ist das verfügbare Einkommen der einkommensschwächsten Haushalte teuerungsbereinigt um einen Drittel gesunken. Nicht nur die Anteile armer und armutsgefährdeter Haushalte haben zugenommen, sondern auch die Intensität der Armut ist gestiegen. Das heisst: Für die Betroffenen ist die Lücke zwischen dem verfügbaren Einkommen und dem erforderlichen Einkommen, um über der Armutsgrenze leben zu können, grösser geworden. Im Jahre 2001 betrug diese Armutsgefährdungslücke für einen Haushalt mit einer Person von 36 bis 40 Jahren im Mittel 25,2 Prozent, im Jahre 2013 waren es 34,4 Prozent.

Daten erstmals mit den Ergebnissen einer telefonischen Umfrage ergänzt

Für die vier Sozialberichte des Kantons Bern sind jeweils die Steuerdaten ausgewertet worden. Um die wirtschaftliche Situation noch besser analysieren zu können, ist für den vierten Bericht zusätzlich eine telefonische Befragung von Personen im Erwerbsalter durchgeführt worden, die seit längerer Zeit mit monatlich 3000 Franken oder weniger auskommen mussten. Eine fehlende Angabe bei den Steuerdaten ist beispielsweise, wie das Erwerbseinkommen zustande kommt. Gut der Hälfte der Befragten fällt es schwer oder sogar sehr schwer, die monatlichen Ausgaben ihres Haushalts zu decken. Etwas mehr als 60 Prozent der Befragten waren erwerbstätig, 42 Prozent von ihnen in Vollzeit. Auffällig ist zudem, dass vor allem teilzeitarbeitende Männer ein grösseres Erwerbspensum übernehmen möchten, jedoch keine entsprechende Arbeitsstelle finden. Der wichtigste Grund für das Teilzeitpensum bei den Männern ist Unterbeschäftigung, bei den Frauen familiäre Verpflichtungen. Dass armutsbetroffene oder –gefährdete Menschen willentlich kein höheres Erwerbspensum anstreben, weil sie lieber Teilzeit als Vollzeit arbeiten, bildet die Ausnahme.

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