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Literarische Auszeichnungen 2006 des Kantons Bern

26. Mai 2006 – Medienmitteilung; Bildungs- und Kulturdirektion

aid. Mit Paul Nizon, Matthias Zschokke, Händl Klaus, Christoph Simon, Andri Beyeler und Martin Bieri zeichnet die kantonale deutschsprachige Literaturkommission je drei Prosaschriftsteller und Theaterautoren für ihre jüngsten Arbeiten mit den vier Buchpreisen und einem Förderpreis 2006 des Kantons Bern von je 8'000 Franken aus. Heinz Schafroth aus Alfermée bei Biel erhält für seine Literaturvermittlung eine mit 10'000 Franken dotierte Ehrengabe, der Berner Verlag «Der gesunde Menschenversand» einen Förderpreis von 5'000 Franken. Die Preisverleihung findet am Mittwoch, 14. Juni 2006 im Schlachthaus Theater Bern statt.

Leichtfüssig lässtPaul Nizonseine Figur Stolp im Roman«Das Fell der Forelle» durch Paris flanieren, auch wenn es Kummer ist, der seinen Helden umtreibt. Mit ironischer Distanz verfolgt der renommierte Autor in seinem neuen Werk diesen Liebesversehrten und findet dabei die Sätze, um ihn schliesslich einfach in der Luft verschwinden zu lassen. Der mit einem Buchpreis 2006 des Kantons Bern ausgezeichnete Romanüberzeugt. Denn Paul Nizon weiss, wie man solche Prosa glaubwürdig schreibt, und er beherrscht sie meisterhaft.

„Man möchte weinen, weil das Schönste auf der Welt so unscheinbar dahergeschlendert kommt”, heisst es im jüngsten Roman«Maurice mit Huhn» vonMatthias Zschokke. Mit grosser poetischer Kraft und sprachlicher Präzision lässt der Autor darin seinen Protagonisten von den Rändern des Glücks und des Unglücks her unsere aus den Fugen geratene Welt betrachten. Auch die Kunst rückt diese Welt nicht ins Lot– aber sie beglückt uns im Unscheinbaren, das sich unvermittelt als das Schönste erweist. Derüberzeugende Roman wird ebenfalls mit einem Buchpreis 2006 des Kantons Bern ausgezeichnet.

Im Theatertext«Dunkel lockende Welt» vonHändl Klauszappeln die Figuren im Netz ihrer Sprache, das sie gefangen hält und gleichzeitig vor dem Absturz bewahrt. Sprachlich raffiniert und witzig gestaltet der in Nidau wohnhafte Autor die rhythmisch strukturierte Abfolge von Kürzestsätzen und sturzflutähnlichem Monolog. Zwei Frauen und ein Mann führen dabei vor, wie man auf grotesk-komische Weise vom Eigentlichen ablenken kann: vom Tod sowie vom Leben, in welchem die wichtigen Dinge bestimmtübersehen werden. Der mit einem Buchpreis 2006 des Kantons Bern ausgezeichnete Theatertext ist inzwischen im Sammelband«Stücke» des Autors erschienen und wird in der Saison 2006/07 auch im Theater Biel Solothurn inszeniert.

Mit seinen frischen und frechen Hauptfiguren, Franz Obrist und dem Dachs MC, haucht der Berner AutorChristoph Simondem Schelmenroman mit«Planet Obrist» neues Leben ein. Wie bereits in seinem fulminanten Debüt,«Franz oder Warum Antilopen nebeneinander laufen», klopft der Autor wiederum den Staub von diesem jahrhundertealten literarischen Genre, indem er selbstvergessen und selbstironisch den Leser auf eine Reise mitnimmt; von Bern in die ferne, nicht zu erreichende Mongolei, von der gemütlichen Lesestube in die Irrungen und Wirrungen der Jugendzeit. Die Literaturkommission hat diese Reise sehr genossen und zeichnet den neuen Roman vom Christoph Simon mit einem Buchpreis 2006 des Kantons Bern aus.

Mit ihrem gemeinsamen Theatertext«Die sieben Leben eines Sportskameraden» unterlaufen die beiden Berner AutorenAndri BeyelerundMartin Bierierfolgreich sämtliche Erwartungen, die ein Stück zum Thema Fussball weckt. Weder versuchen sie die Dramatik eines Fussballspiels auf die Bühne zu bringen, noch folgen sie der Biografie eines Fussballstars. Ihr Theatertext präsentiert sich vielmehr als ein Baukasten aus O-Tönen, lyrischen Monologen, aberwitzigen Dialogen, theoretischen Exkursen und sprachlichen Slapstick-Einlagen. Aufüberzeugende Weise wird in diesem mit einem Förderpreis 2006 des Kantons Bern prämierten Stück im selben Atemzug Fussballer-Pathos aufgebaut und gleich wieder demontiert.

MitHeinz Schafrothaus Alfermée bei Biel zeichnet die Literaturkommission einen der bedeutenden Literaturvermittler des deutschsprachigen Raums mit einer Ehrengabe des Kantons Bern von 10'000 Franken aus. Damit würdigt sie sein jahrzehntelanges Engagement zur Förderung junger Talente und seine Begleitung der Schweizer Gegenwartsliteratur. Ob als Kritiker in angesehenen Zeitungen wie der Frankfurter Rundschau, ob als Herausgeber wichtiger Werke von Autoren wie Günter Eich, ob als Essayist oder Veranstalter der Holozän-Lesungen an der ETH; bei allem, was der renommierte Literaturspezialist Heinz Schafroth unternimmt, ist er stets«in Augenhöhe mit der Literatur» (Raoul Schrott).

Seit 1998 hat derBerner Verlag«Der gesunde Menschenversand»Poetry Slam-Veranstaltungen in der Schweiz erfolgreich eingeführt, bekannt gemacht und sich dabei als Schaltstelle dieser vernetzten Szene etabliert. Unzählige Slams in Bern, Luzern und vielen anderen Orten haben die beiden Verlagsgründer Matthias Burki und Yves Thomi inzwischen organisiert. Der Verlag publiziert ausserdem eine Zeitschrift, Bücher und seit einiger Zeit sorgfältig produzierte CDs mit Slam-Meistern wie Tom Combo, Ralf Schlatter oder Pedro Lenz. Für diese engagierte Vermittlungsarbeit zeichnet die Literaturkommission den Verlag mit einem Förderpeis 2006 des Kantons Bern aus.

Notiz an die Redaktionen

Dieöffentliche Preisverleihung mit Lesungen und Referaten aller acht Preisträger sowie einem anschliessenden Apéro findet am Mittwoch, 14. Juni 2006 um 20 Uhr im Schlachthaus Theater Bern statt. Zur Preisverleihung bei freiem Eintritt sind auch die Medien herzlich eingeladen. Eine Einladungskarte wird mit separater Post zugestellt.

Auskünfte erteilt:

  • Silvan Rüssli, Geschäftsführer der kulturellen Kommissionen des Kantons Bern,Tel. 031 633 85 86


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