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Staatsarchiv des Kantons Bern Spektakuläres Dokument ist wieder aufgetaucht

10. Juli 2019 – Medienmitteilung; Staatskanzlei

Ein spektakuläres Dokument ist nach knapp 200 Jahren wieder zurück im Staatsarchiv des Kantons Bern: Auf einer Internet-Plattform ist vor kurzem das Protokoll der Berner Regierung zur sogenannten Henzi-Verschwörung von 1749 aufgetaucht. Samuel Henzi war der Kopf einer Gruppe unzufriedener Burger der Stadt Bern, die den politischen Umsturz planten. Die Ereignisse erregten damals in ganz Europa grosses Aufsehen.

Anfang Juni 2019 wurde das Staatsarchiv des Kantons Bern von einem Historiker darauf aufmerksam gemacht, dass im Internet ein Manual zur sogenannten Henzi-Verschwörung von 1749 aufgetaucht sei, das seit fast 200 Jahren als verschollen galt. Das Staatsarchiv hat mit dem Besitzer des Bandes Kontakt aufgenommen und diesen von dessen historischer Bedeutung überzeugt. Es kommt einer kleinen Sensation gleich, dass der Band nun fast auf den Tag genau 270 Jahre nach der Enthauptung von Samuel Henzi wieder ins Staatsarchiv zurückgekehrt ist.

Samuel Henzi, 48jähriger Schriftsteller und Journalist, war bereits 1744 als Mitverfasser eines regierungskritischen Manifests aus dem bernischen Staat verbannt worden. Zurück in der Stadt Bern arbeitete er 1749 als Unterbibliothekar in der Stadtbibliothek, sah sich jedoch immer wieder gegenüber Konkurrenten aus patrizischen Familien zurückgesetzt. Er war der intellektuelle Kopf der Verschwörung von 1749. Mit ihm fanden sich zahlreiche Handwerker und Gewerbetreibende aus den nicht regierenden Berner Burgerfamilien zusammen. Sie einte das Gefühl der Benachteiligung gegenüber den patrizischen Burgern, denen sie rein rechtlich gleichgestellt waren.

Kämpfer gegen die Privilegien des Patriziats

Die Verschwörer wollten die Vorherrschaft des regierenden Patriziats beenden. Für die damalige Zeit stellten sie revolutionäre Forderungen: Sie verlangten unter anderem eine Gemeindeversammlung als oberstes Organ, eine Amtszeitbeschränkung für vom Volk gewählte Magistrate, eine jährliche Abrechnung der Staatskasse sowie die Öffnung der Archive.

Am 25. Juni 1749 trafen sich die Verschwörer zum ersten Mal in der Indiennefärberei des Johann Friedrich Küpfer am Sulgenbach. Vier Tage später fand die zweite Versammlung statt – diese bedeutete jedoch bereits das Ende der Verschwörung. Denn bereits am Abend des 2. Juli hatte ein Theologiestudent, der zufällig von den Absichten der Gruppe erfahren hatte, einem Mitglied der Regierung das Vorhaben verraten. Am Morgen des 3. Juli verhafteten junge und kräftige Mitglieder des Grossen und Kleinen Rates die Verschwörer. Es gab keinen nennenswerten Widerstand. Gegen 30 Personen wurden verhaftet, über 30 weitere mit Hausarrest belegt. Zwei Personen aus dem engsten Kreis gelang die Flucht. Die Regierung hatte ein gewaltiger Schreck gepackt. Das sonst eher beschauliche Bern war mehrere Tage in grosser Unruhe. Doch die Verschwörung war in sich zusammengebrochen, ohne dass sie namhafte Unterstützung erhalten hätte.

Grosses Medieninteresse in Europa, das geheime Ratsmanual verschwand

Die Ereignisse in Bern lösten in Europa ein für die damalige Zeit gewaltiges Medienecho aus. Gotthold Ephraim Lessing schrieb darüber sogar ein Theaterstück, das später als Fragment veröffentlicht wurde.

Kurz nachdem die Verschwörung beendet war, begann die polizeiliche und gerichtliche Aufarbeitung der Ereignisse. Am 9. Juli beschlossen die Räte, darüber ein gesondertes, geheimes Protokoll anzulegen. Bereits am 16. Juli wurde über die drei Hauptpersonen das Todesurteil ausgesprochen, das am nächsten Tag sogleich durch das Schwert vollzogen wurde. Die anderen Mitverschwörer wurden verbannt oder unter Hausarrest gestellt. Erst dreissig Jahre später erhielten die Nachfahren der Verschwörer ihr Burgerrecht zurück, 1780 durften auch die geflohenen Verschwörer zurückkehren.

Regierungsrat Anton Tillier, der als erster Historiker die Berner Geschichte des 18. Jahrhunderts darstellte, stellte 1834 mit grossem Bedauern fest, dass die Hauptquelle der Regierung – das geheime Ratsmanual – fehlte und im Rathaus nicht auffindbar war. Mit dem wieder aufgetauchten Manual lassen sich die Darstellungen von Zeitzeugen nun aus der Sicht der Berner Obrigkeit überprüfen.

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