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Eisfeld im Berner Oberland gibt einmalige archäologische Funde preis

11. November 2005 – Medienmitteilung; Bildungs- und Kulturdirektion

aid. Prähistorische Kleidungsstücke aus Leder und Bast, ein Köcher und Pfeile, bronzene Gewandnadeln und römische Schuhnägel: Seit dem Hitzesommer 2003 gab ein namenloses Eisfeld zwischen dem grossen Hauptgletscher des Wildhorns und dem Schnidejoch für die Schweiz einmalige, vor- und frühgeschichtliche Funde ab dem dritten Jahrtausend vor Christus frei. Die zahlreichen Fundstücke liefern wertvolle Hinweise zur frühen Überquerung der Alpen.

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Gletscher im Berner Oberland zum Teil deutlich zurückgezogen. Vor allem seit dem heissen Sommer des Jahres 2003 sind kleinere Eismassen in den Alpen stark geschmolzen, darunter auch ein namenloses Eisfeld zwischen dem grossen Hauptgletscher des Wildhorns und dem Schnidejoch (2756 Meterüber Meer). Im Herbst 2003übergab ein Ehepaar aus Thun dem Archäologischen Dienst ein Fundstück aus Birkenrinde, das es auf einer Wanderung am Rande des Eises gefunden hatte. Weil die Datierung des Köcherfragments mittels der Radiokarbonmethode das erstaunliche Alter von fast 5000 Jahren ergab, suchte der Archäologische Dienst das Gebiet in der Folge genauer ab. Die zahlreichen in den beiden letzten Jahren vom Eis freigegebenen Gegenstände stammen sowohl aus prähistorischer als auch aus frühgeschichtlicher Zeit. Diese„Eisfunde“ sind einzigartig, weil sie ein neues Licht auf die kulturgeschichtliche Entwicklung der Alpen werfen. Es zeigt sich, dass die Menschen den längst vergessenen Passübergang am Schnidejoch vom Berner Oberland ins Wallis in klimatisch günstigen Zeiten rege nutzten.

Jungsteinzeit und Bronzezeit: Zahlreiche Kleider- und Ausrüstungsfunde
Im dritten Jahrtausend vor Christus bis etwa 1750 vor Christus herrschte ein eher mildes Klima. Vermutlich lagen die Sommertemperaturen damals 0,5 bis maximal 2° C höher als heute. Aus dieser Epoche fanden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes zahlreiche verstreuteÜberreste von Kleidern und Ausrüstungsgegenständen. Die Funde belegen, dass sich die Gletscher zeitweise so weit zurückgezogen hatten, dass die Menschen den Passüberqueren konnten.

Die organischen Funde sind besonders wertvoll. Sieüberdauerten die Jahrtausende, weil sie nach ihrem Verlust offenbar sehr schnell durch Schnee und Eis geschützt wurden. Möglicherweise stammen verschiedene, verstreut gefundene Pfeilschäfte aus dem bereits erwähnten neolithischen Köcher. Ein in die Frühbronzezeit datiertes, aus mehreren Teilen zusammengenähtes Holzobjekt interpretieren die Experten als Behälter (Spanschachtel). Er weist zusammen mit zahlreichen Bindungen auf einen frühen, vorgeschichtlichen Warentransportüber die Alpen hin. Verschiedene Bastgeflechte stammen vermutlich von Kleidern. Besonders interessant ist das Fragment eines Umhangs, wie ihn auch die Gletschermumie„Ötzi“ trug.

Aufsehen erregen die zahlreichen Lederfunde. Ihre Untersuchung erlaubt es, neue Erkenntnisseüber die vorgeschichtliche Gerbtechnik zu gewinnen. Mehrere Fragmente stammen von prähistorischen Schuhen, die offenbar unterwegs kaputt gingen oder verloren wurden. Die erhaltenenÖsen und Lederriemchen ermöglichen die Rekonstruktion eines steinzeitlichen Schuhs. Ein besonders grosses Lederfragment (70 x 60 cm) stammt von einer Hose. In den Falten des Hosenbeins fanden die Restauratoren Partikel, bei denen es sich um menschliche Haut handeln könnte. Diese sollen jetzt mittels DNA-Analyse genauer untersucht werden.

Schon lange deuteten die frühbronzezeitlichen Gräber des Rhonetales und der Thunerseeregion auf eine direkte Verbindung zwischen dem Wallis und dem Oberland hin. Diese Vermutung wird nun durch den Fund einer mit feinen Ritzlinien verzierten bronzenen Scheibenkopfnadel untermauert.Ähnliche Gewandnadeln wurden auch in Gräbern in Ayent gefunden, einem Dorf, das am Südhang des Schnidejochs liegt.

Römische Epoche: Wollgürtel und Metallfunde
Nach 850 vor Christus kam es zu einer erneuten Klimaverschlechterung und damit zu einem Gletschervorstoss. Erst nach 150 vor Christus setzte wieder eine längere Phase mit wärmerem Klima ein. Diese dauerte während der römischen Epoche an (15 vor Christus bis 400 nach Christus). Aus dieser Zeit stammt ein etwa fünf Zentimeter breites Fragment eines Gürtels aus weisser Schafwolle. Der Gürtel gehörte wahrscheinlich zu einer römischen Tunika. Die Qualität der Wolle entspricht der heutigen Wolle der Merino-Schafe. Weiter fand der Archäologische Dienst des Kantons Bern eine römische Fibel aus dem ausgehenden 1. oder frühen 2. Jahrhundert nach Christus. Die zahlreichen römischen Schuhnägel, die bei der Passüberquerung verloren wurden, stammen aus dem Eis selbst und aus seiner weiteren Umgebung. Ob sie von römischen Truppen oder von zivilen Säumern hinterlassen wurden, ist noch unklar. Insgesamt sprechen die römischen Funde dafür, dass der Passüber das Schnidejoch intensiv genutzt wurde. Zudem war er einer der kürzesten Wege von Oberitalien ins schweizerische Mittelland.

Nach dem Mittelalter: Schnee und Eis auf dem Vormarsch
Nach einer kurzen Kaltphase folgte im Mittelalter wieder ein stabileres, milderes Klima. Aus dieser Zeit stammt der ins 14. oder 15. Jahrhundert datierte Teil eines mittelalterlichen Schuhs. Ab dem 16. Jahrhundert verschloss der Gletschervorstoss der„Kleinen Eiszeit“ den Passübergang am Schnidejoch erneut. Die erste Landeskarte der Schweiz, die Siegfriedkarte, zeigt, dass der Gletscher noch um 1850 weitüber das Schnidejoch hinweg reichte. Erst der Gletscherrückgang der letzten Jahre ermöglicht die eisfreie Querung des Schnidejochs.

Bildmaterial zum Thema ist abrufbar unterwww.be.ch/medienmitteilungen. Weiterführende Informationen zur Arbeit des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern finden Sie unterwww.erz.be.ch/archaeologie

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